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Interview mit Henrik A. Schunk, geschäftsführender Gesellschafter Schunk GmbH & Co.

„Servicerobotik ist für uns ein zentrales Zukunftsthema"

Wie Henrik A. Schunk in deutschen und europäischen Branchenverbänden die Automatisierungsindustrie voran bringen will und welche Rolle die Servicerobotik dabei spielt, verrät er im Interview mit der Automationspraxis.

· Sie engagieren sich im Vorstand des VDMA Fachverbands Robotik + Automation: Was sind hier die Pläne?

Schunk: Der Vorstand des Fachbereichs hat sich zum Ziel gesetzt, die Bedeutung der Montage und Handhabung deutlicher herauszuarbeiten. Die Rolle als Enabling Industry – ohne Montage und Handhabung kann eigentlich nicht gefertigt werden – muss mehr Begehrlichkeiten wecken. Es darf nicht sein, dass ein junger Mensch bei seinen Zukunftsplänen die Montage und Handhabung ignoriert und sich lieber für IT entscheidet.

· Was wollen Sie also tun?

Schunk: Da sind wir gerade noch mitten in der Ideenphase. Aber vielleicht könnte man auf Messen die versammelte Kompetenz demonstrieren – etwa in Form eines Pavillons, in dem eine komplette Montagelinie läuft, anstatt dass jeder nur seine Detail-Kompetenz zeigt. In jedem Fall muss an der Kooperationsbereitschaft gearbeitet werden. Vielleicht könnte hier ein gemeinsamer Kongress helfen, daher finde ich auch den Ansatz der Automationspraxis mit den Praxisforen eine gute Idee.

· Und was wollen Sie als Chairman bei Eunited Robotics bewegen?

Schunk: Ziel ist ganz klar, neue Mitglieder zu gewinnen – auch jenseits der reinen Robotik –, um die europäische Roboterindustrie mit allen Peripheriefirmen gut zu repräsentieren. Denn für die kommenden Förderprogramme müssen wir sicherstellen, dass wir bei der Europäischen Kommission gut gehört werden.

· Geht es Ihnen dabei nur um Forschungsförderungen?

Schunk: Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die Verbindung der Forschung zu kleinen Unternehmen intensiviert wird, so dass wir als Ergebnis praxistaugliche Entwicklungen bekommen. Denn gerade die Mittelständler haben super Ideen. Dazu müssen wir aber auch den Genehmigungsprozess für Fördergelder straffen und vereinfachen.

· Welche Themen wollen Sie dabei auf europäischer Ebene forcieren?

Schunk: Wenn ich während meiner Amtszeit einen Beitrag leisten könnte, dass das Thema Servicerobotik angeschoben wird, wäre das ein schöner Erfolg. Und das Ganze wie gesagt sehr praxisnah. Ein Beispiel: Der Care-O-bot des Fraunhofer IPA, der mit unserem Arm ausgestattet ist, wurde kürzlich in einem Altenheim eingesetzt. Es müssten aber schon hundert Heime sein.

· Welche Einsatzszenarien sehen Sie für die Servicerobotik noch?

Schunk: In der Medizintechnik ebenso wie in der Fabrik als Helfer in Montage oder Logistik. Unsere modularen Leichtbauarme werden zudem zur Prüfung von Energieerzeugern eingesetzt. Bei der Lösung solcher sicherheitstechnisch relevanter Aufgaben sind Roboter in ihrer Genauigkeit und Dauerbelastbarkeit unschlagbar. Interessante Aufgaben lösen unsere Leichtbaugeräte auch in Laboratorien der Pharma-, Chemie- und Life-Science-Branchen.

· Aber verschwimmen dabei nicht die Grenzen zwischen einem Industrieroboter und einem Serviceroboter?

Schunk: Nur zu geringen Teilen. Es ergeben sich zwar gemeinsame Tendenzen, jedoch sind die Anwendungen herkömmlicher Industrieroboter ganz andere. Dass sich auch die klassischen Hersteller von Industrierobotern alle mit der Servicerobotik beschäftigen, ist für mich ein klares Zeichen, wie groß die Bedeutung des heranwachsenden Marktes ist. Nichtsdestotrotz – ein Serviceroboter teilt nicht nur seinen Arbeitsraum mit Menschen, sondern kooperiert und wird in Zukunft planvoll handeln.

· Damit die Servicerobotik einschlägt, ist auch eine entsprechende Akzeptanz bei den Menschen nötig. Wie kann man hier Berührungsängste abbauen?

Schunk: Da muss es natürlich von der Technik her Weiterentwicklungen geben. Und man muss nicht nur Techniker mit am Tisch haben, sondern auch Soziologen und Psychologen. Aber um auch das mal so deutlich zu sagen: Bei der Frage Mensch-Maschine-Interaktion kommt immer gleich das Thema Sicherheit ins Spiel. Hier müssen wir aber ein vernünftiges Maß finden. Ein Beispiel: Gibt es für die ganzen ICE-Bahntrassen irgendeine Absicherung wie Lichtschranken? Es ist tatsächlich auch eine Frage unserer Gewohnheiten und Bedürfnisse. Klare, verständliche und wirtschaftlich umsetzbare Sicherheitsauflagen sind daher der Schlüssel zum Abbau von Berührungsängsten. Unsere Kunden wenden bereits heute Roboter ohne Schutzzäune an, weil es wirtschaftlich sinnvoll und notwendig ist. Die Erkenntnis, dass es funktionierende Kundenlösungen gibt, wird sich stetig ihren Weg bahnen.

· Und was sind für 2011 Ihre Pläne im eigenen Unternehmen?

Schunk: Wir wollen die internationale Marktdurchdringung in unseren Kernfeldern Greifsysteme und Spanntechnik weiter ausbauen. Ziel ist, den 2008er Umsatz schnell wieder zu erreichen.

· Schaffen Sie das 2011?

Schunk: Ich bin da optimistisch, auch wenn unser weltweiter Außendienst bei solchen Wachstumszahlen verständlicherweise im ersten Moment etwas zusammen zuckt.

· Und wo wollen Sie mit dem Unternehmen mittelfristig hin?

Schunk: Im Moment stehen wir auf zwei Beinen: Der Spanntechnik und der Greiftechnik. Aber ein Stuhl steht auf drei Füßen einfach besser. Zumal spannende Themen auf uns warten: Nehmen Sie beispielsweise nur die Frage, was mit der Elektromobilität auf uns zukommt. Da gibt es enorme Veränderungen in den Produktionen.

· Bei alle diesen Engagements in der Firma und in Verbänden: Haben Sie überhaupt noch Zeit zum Schlafen?

Schunk: Zum Schlafen gerade noch. „Mein Hobbykeller ist der Schreibtisch in der Firma", sagte letztens ein bekannter Unternehmer zu mir. Das kann ich nur unterschreiben. Man möchte seine Ideen einbringen und dafür ist natürlich viel persönlicher Einsatz erforderlich. Für das neue Jahr habe ich mir aber bereits vorgenommen, mehr Zeit für meine Freunde zu haben. ab

„Wir müssen ein vernünftiges Maß für die Sicherheit finden"

30.11.2010


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