Industrie 4.0 wirkt sich nicht nur auf das Produkt und seine Fertigung aus, sondern auch auf die Geschäftsmodelle (Bild: Fraunhofer IPA)
Der Maschinen- und Anlagenbau unterschätzt die anstehenden Geschäftsmodell-Umwälzungen der Industrie 4.0, zeigt eine Studie des Fraunhofer IPA mit der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner. Die Maschinenbauer machen sich zwar durchaus Gedanken zu den neuen Herausforderungen, schauen aber oft nicht weit genug über den Tellerrand.
Industrie 4.0 wirkt sich nicht nur auf das Produkt und seine Fertigung aus, sondern auch auf die Geschäftsmodelle (Bild: Fraunhofer IPA)
Studie: Geschäftsmodellinnovationen durch Industrie 4.0 im Maschinen- und Anlagenbau

Maschinenbau unterschätzt digitale Umwälzungen

„Industrie 4.0 wirkt sich nicht nur auf das Produkt und seine Fertigung aus, sondern auch auf die Geschäftsmodelle", betont Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl, der Leiter des Fraunhofer IPA. Dabei würden sich nicht nur bekannte Vertriebswege digital weiterentwickeln, sondern auch völlig neue Formen der Geschäftsabläufe entstehen. Bauernhansl unterscheidet daher zwischen „evolutionären" und „disruptiven" Formen von Geschäftsmodellinnovation.

Gerade das disruptive Potenzial unterschätzen die Maschinenbauer aber oft noch, zeigt die Studie, für die 30 Unternehmen aus Maschinen- und Anlagenbau sowie aus der IT-Branche interviewt wurden. „Im Fokus steht beim Maschinenbau die digitale Veredelung der jeweiligen Nischenprodukte", so Anja Schatz, Abteilungsleiterin Auftragsmanagement und Wertschöpfungsnetze am Fraunhofer IPA. „Das große, disruptive Rad wird aber im Bereich neuer plattformorientierter Geschäftsmodelle von sogenannten Business Webs gedreht." Sie rät Unternehmen daher, nicht bei der reinen digitalen Veredelung ihrer Produkte stehen zu bleiben.

Das sieht auch der W & P Experte Dr. Mathias Döbele so. Zwar seien mit einer relativ einfachen digitalen Veredlung der Produkte bedeutende Geschäftsmodellinnovationen möglich: „Dennoch ist es wichtig, dass sich jeder Unternehmer Gedanken über disruptive Innovationen macht, um mögliche Gefahren für die eigene Position einschätzen zu können." Als Beispiel für innovative Web-basierte Geschäftsmodelle verweist Döbele auf das Online-Portal eMachine Shop, das die Fertigung von Maschinenteilen ab Losgröße 1 anbietet und dies um zusätzliche digitale Dienste ergänzt, etwa eine kostenlose und einfach zu bedienende CAD-Software.

Kritische Masse erreichen

Schatz nennt als Beispiel die vom Landmaschinenkonzern Claas initiierte Plattform Farmnet365. Diese bündelt das Wissen von vielen verschiedenen am landwirtschaftlichen Produktionsprozess beteiligten Firmen und stellt dieses Wissen über intelligente Softwareservices verknüpft auf einer Plattform zur Verfügung: Von der Anbauplanung über das Erntemanagement mit Echtzeitwetterdaten bis zur Futtermitteloptimierung. „Diese Plattform nimmt richtig an Fahrt auf, seit sie sich für weitere Partner geöffnet hat", berichtet Schatz.

Auch die von Siemens angekündigte offene Cloud-Plattform zur Analyse großer Datenmengen in der Industrie, die Dritte über offene Schnittstellen für eigene Dienstleistungen und Analysen nutzen können, ist für die Experten ein Schritt in diese Richtung. „Dieser Ansatz ist der Versuch, ein übergreifendes Ökosystem aufzubauen – genau das, was wir für die Vernetzung von Daten und Diensten in der Industrie 4.0 brauchen", so Döbele. Allerdings müsse sich erst noch zeigen, wie diese Plattform von Dritten angenommen wird. „Wirklich disruptiv kann ein Geschäftsmodell erst werden, wenn eine kritische Masse erreicht wird."

Frische Köpfe denken quer

Zudem stellt sich die Frage, wie die als bodenständig bekannten Maschinenbauer auf solche umwälzenden Ideen kommen. „ Zur Entwicklung wirklicher Geschäftsmodell-Innovationen ist zwingend notwendig, ein bunt gemischtes Team mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Fachrichtungen zusammen zu stellen", so Döbele. Unternehmensfremde – oder besser noch branchenfremde – Personen sollten zwingend Teil dieses Teams sein: „Die Elemente einer Geschäftsmodell-Innovation sind nie komplett neu, sondern lediglich eine neue Rekombination im Kontext einer bestimmten Branche. Daher muss man gedanklich in der Lage sein, die vorherrschende Branchenlogik zu durchbrechen."

Als positives Beispiel führt Schatz BMW ins Feld: Im vom Vorstand initiierten Think Tank Projekt i waren bewusst wenige Rahmenbedingungen vorgegeben. Das Team musste keine Rücksicht darauf nehmen, was BMW heute ausmacht. Das Entwickelte musste aber überall einsetzbar sein, um den Konzern für die Zukunft zu befähigen. Perspektivenwechsel, Querdenken und Iterationsschleifen waren ausdrücklich erwünscht.

Schatz: „Im Ergebnis entstand der i3, das erste Serien-Elektrofahrzeug von BMW. Sowohl die klassische BMW Fahrzeugarchitektur als auch die eigenen Wertschöpfungsanteile wurden grundlegend infrage gestellt, und es wurden systematisch von Beginn an Kooperationspartner in das Ökosystem der Wertschöpfung aufgenommen."

Wirklich in der Breite angekommen, ist ein solches systematisches Herangehen an Geschäftsmodell-Innovationen aber noch nicht. „Maschinen- und Anlagenbauer machen sich zwar durchaus Gedanken zu den neuen Herausforderungen, schauen aber oft nicht weit genug über den Tellerrand", so Döbele. Die IT hingegen verstehe sich durchaus als systematischer Treiber der Geschäftsmodellentwicklung in Richtung produzierende Unternehmen. Das hat Folgen: „Die klassische Branchengrenze verschiebt sich zur IT. Regelbrüche und Markteintritte Dritter werden wahrscheinlicher", sagt Döbele.

Amazon und Google kommen

Werden also künftig schlagkräftige Internet-Riesen wie Google und Amazon den etablierten Produktionstechnik-Herstellern das Leben schwer machen? Schatz hält das für wahrscheinlich: „Einige Indizien deuten darauf hin, dass die ganz Großen mitspielen werden – auch wenn diese Einschätzung von vielen Seiten noch belächelt wird."

Auch Döbele hält es für durchaus denkbar, dass sich große IT oder Internet-Unternehmen stärker in Richtung produktionstechnischer Anwendungen orientieren. „Dabei werden sie aber kaum in enge Nischen vordringen, in denen einzelne Maschinenbauer heute eine weltweite Spitzenposition einnehmen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass sie sich auf Plattformen konzentrieren werden, wo sie ihre Softwarekompetenz ausspielen können." Das sei zum Beispiel bei Robotern der Fall, da ein klassischer Industrieroboter eine hoch standardisierte Einheit ist, die erst durch die individuelle Applikationssoftware ihre Funktion erhält.

Im Bereich der engen Nischen sei es dagegen denkbar, dass sich kleine neue Player hervortun und als Regelbrecher die bisherige Ordnung auf den Kopf stellen. „Für diese kleinen Player wird der Markteintritt deutlich einfacher, da zum Beispiel mit Pay-per-use-Ansätzen keine großen Investitionen in Maschinen oder IT-Systeme mehr notwendig sind."

www.ipa.fraunhofer.de www.wieselhuber.de

29.04.2015


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