Heinz Dürr: „Die Energiewende und der Umstieg auf erneuerbare Energien können ohne Einsparungen durch Energieeffizienz nicht funktionieren.
Obwohl es viel billiger ist, Strom zu sparen als diesen zu produzieren, wird die Energieeffizienz in Deutschland noch stiefmütterlich behandelt, zeigt der erste Effizienz-Gipfel des Stiftungsinstituts EEP der Universität Stuttgart. Nicht nur die Politik ist gefragt: Auch Unternehmen müssen ihre Fixierung auf eine schnelle Amortisation überdenken.
Heinz Dürr: „Die Energiewende und der Umstieg auf erneuerbare Energien können ohne Einsparungen durch Energieeffizienz nicht funktionieren."
Viele Firmen benutzen für ihre Investitionen falsche Bewertungsmethoden

Energieeffizienz fristet noch ein Nischendasein

„Die Energieeffizienz gehört endlich auf die politische Agenda. Die öffentliche Energiewende-Diskussion konzentriert sich viel zu stark auf erneuerbare Energien", fordert Prof. Thomas Bauernhansl, der Leiter des Fraunhofer IPA und Interimsleiter des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) an der Uni Stuttgart. Heinz Dürr, einer der Stifter des EEP, stimmt zu: „Die Energiewende und der Umstieg auf erneuerbare Energien können ohne Einsparungen durch Energieeffizienz nicht funktionieren." Schließlich sei es in Deutschland dreimal billiger, eine Kilowattstunde Strom zu vermeiden als diese zu produzieren.

Immerhin sind wir dabei schon auf einem guten Weg, ergänzt Bauernhansl: „Deutschland gehört neben Japan weltweit zu den führenden Industrienationen im Bereich der Energieintensität." Dennoch gebe es keinen Grund, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen: „Um die möglichen Einsparpotenziale zu heben, müssen die bisherigen Anstrengungen bei der Energieeffizienz verdreifacht werden", so Bauernhansl.

Dass in vielen Produktionsbetrieben durchaus noch Einspar-Potenziale zu heben sind, bestätigt ein Blick in die Praxis: So hat sich Hubert Waltl, Vorstand für Produktion und Logistik bei Volkswagen, vorgenommen, die wichtigsten Umweltkennwerte in der Produktion (Energie, Wasser, Abfall, Emissionen, CO2) bis 2018 um 25 % zu senken. „Mit Think Blue Factory übertragen wir unser Nachhaltigkeitskonzept in die Produktion. Dazu haben wir einen modularen Produktionsbaukasten entwickelt: Die besten Produktionstechniken erklären wir zum weltweiten Standard." Die ersten Erfolge sind ermutigend: „Allein von 2010 bis 2012 haben wir den Energieverbrauch pro produziertem Fahrzeug um 13 Prozent gesenkt."

Auch Stephan Kohler, der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur, kennt solche Erfolgsbeispiele: „Der Gewinner unseres letztjährigen Energy Efficiency Awards, Harting, konnte beim Energieverbrauch 30 Prozent einsparen und erzielte dabei eine Kapitalrendite von 30 Prozent." Insgesamt senkte der Verbindungstechnikspezialist seinen Energieverbrauch um rund 3,3 Millionen Kilowattstunden und seine Energiekosten um rund 327 000 Euro pro Jahr.

„Trotz dieser Erfolgsbeispiele, gehen viele Unternehmen Energieeffizienz-Projekte aber nur zögerlich an", beklagt Bauernhansl. Woran das liegt? „Der Energiekostenanteil beträgt bei vielen Unternehmen nur wenige Prozent. Strompreissteigerungen fallen daher weniger ins Gewicht als zum Beispiel die Lohnkosten."

Vor allem aber benutzen viele Firmen für ihre Investitionen falsche Bewertungsmethoden, hat das EEP in einer Meta-Studie zur Lage der Energieeffizienz in Deutschland herausgefunden: „ Zweidrittel der Firmen bewerten Investitionen auf Basis der Amortisationszeit, die maximal drei bis fünf Jahre betragen darf" , erläutert Bauernhansl. Investitionen, die sich durch lange Nutzungsdauer auszeichnen, bleiben dann ungenutzt.

Aber für Energieeffizienz braucht man eben oft einen langen Atem, weiß auch der VW-Produktionsvorstand Waltl: „ Energieeffizienz-Projekte brauchen meist länger als die üblichen 2,5 Jahre Amortisationszeit. Der Energieeffizienz geben wir daher mehr Zeit." Für Bauernhansl wären daher Barwert-Methoden besser zur Investitionsbeurteilung geeignet: „Denn viele Energieeffizienz-Maßnahmen haben zwar eine lange Amortisationszeit, aber eine gute Verzinsung."

Finanzielle Anreize sind daher ein wichtiger Hebel, um die Energieeffizienz voran zu bringen, erläutert Dr. Carsten Rolle, Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik beim Bundesverband der deutschen Industrie (BDI). Neben Fördermitteln zählt er dazu verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten und Steueranreize sowie bessere Rahmenbedingungen für das Energiespar-Contracting.

Allerdings fehle es vielen Firmen auch schlicht an Wissen, ergänzt Rolle. Mit Energieberatung und Energieeffizienz-Netzwerken müsse man daher Aufklärungsarbeit leisten. Viel Hoffnung setzt Rolle auch auf Energiemanagement-Systeme: „Denn diese helfen, Einsparpotenziale systematisch zu erfassen."

Laut der EEP-Studie entfallen 74 Prozent des Energieverbrauchs der deutschen Industrie auf Prozess-und Raumwärme – eine erstaunlich hohe Zahl. „Diese Potenziale lassen sich aufgrund der industriespezifischen Technologien vorwiegend branchenspezifisch ausschöpfen", so die EEP-Studie. Daher seien pauschale Einsparquoten auch kontraproduktiv, findet Bauernhansl: „Man muss das kleinteilige Thema branchenspezifisch betrachten. Dazu ist jedoch eine gewisse Detailverliebtheit nötig, die der Politik noch fehlt."

Etwas übersichtlicher stellt sich die Lage beim Stromverbrauch dar: 72 Prozent des Stromverbrauchs der deutschen Industrie entfallen auf Querschnittsanwendungen wie Motoren (35 %), Pumpen (12 %), Ventilatoren (10 %), Druckluft (8 %). Bauernhansl: „Es ist also sehr sinnvoll, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen."

Aber auch hier schlägt die Amortisationskeule zu, wie die EEP-Studie am Beispiel Elektromotoren zeigt: „Trotz des hohen Energiekostenanteils von 96 Prozent an Lebenszykluskosten wird ein Großteil des Potenzials im Bereich effiziente Elektroantriebe nicht realisiert", konstatiert die Studie. Der Grund: „Obwohl energiesparende Elektromotoren sich im Lebenszyklus mit einer Kapitalrendite von 20 Prozent als rentabel erweisen, amortisieren sie sich für viele Betriebe nicht schnell genug."

www.eep.uni-stuttgart.de

01.08.2013


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